Ambivalenz Teil 2 – Warum nichts in Dir widersprüchlich ist

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Lieber Mensch,

im ersten Teil zu Ambivalenz hast Du erfahren, wie sich dieses Phänomen ~ der Widerspruch im Leben, in der Welt, in uns ~ vom Gegensatz abgrenzt und in uns Menschen entsteht. Du kennst nun die Quelle und den Startpunkt, wo sich die Persönlichkeit einwickelt. Daran anknüpfend möchte ich Dir nun typische Schauplätze nennen, wo sich ambivalentes Verhalten zeigt. Du wirst ebenso erfahren, dass extreme Ausläufer im eigenen Empfinden kein unumstößliches Urteil ist und wie Du es aufweichen kannst. Legen wir los!

Wir sind alle individuell ambivalent!

Jeder(!) Mensch ist in seinem Verhalten nicht immer vollkommen einheitlich. Wie langweilig wäre dieser Einheitsbrei auch, oder? Dafür ist unsere innere Welt viel zu komplex: 60 Mio. Gedanken am Tag, entsprechend viele Empfindungen, einen Mulitfunktionskörper und eine Außenwelt. Damit das alles in Einklang taktet, können wir nicht anders als selbst multidimensional sein. Auch wenn nur ein zurzeit nach außen sichtbar wird. Wir tragen verschiedene Welten in uns. Die einen mehrere als andere!

Wie sich das zeigt, ist bei jedem unterschiedlich. Manche Menschen leben das mit über die Kleidung aus. Alle Farben im Schrank, verschiedene Stile, kein Interesse sich festzulegen. Jeden Tag könnte ein anderer Mensch aus dem Haus kommen. Denn Kleider machen Leute und jeder Typus setzt bestimmte Charakterzüge in Szene. Mir macht es total Spaß darüber zu experimentieren und ich weiß manchmal auch erst am Morgen an meiner Kleiderwahl, wie es mir eigentlich gerade geht und was ich am diesem Tag nach außen zeigen möchte und was nicht.

Wir unterhalten uns alle mit uns selbst ~ und folgen dann einer der inneren Stimmen zurzeit!

Weniger offensichtlich, jedoch völlig normal sind Meinungsverschiedenheiten in uns selbst. Wenn wir uns für oder gegen etwas nicht entscheiden können, stehen sich innen drinnen zwei oder mehrere Persönlichkeitsanteile gegenüber. Ein Klassiker, der uns alle betrifft. Das geht schon bei der Essensauswahl im Restaurant los, wo wir anfangen mit uns selbst zu reden. Ja, auch das ist bereits ein ambivalentes Verhalten, wenn wir mit uns selbst abwägen ~ was uns gut tun würde, was nicht, was sinnig ist, was wichtig. All das entsteht durch verschieden laute oder leise Stimmen in uns. Meist sind die leisen Stimmen unserer wahren Natur näher.

Je intensiver die Ambivalenz, desto größer das empfundene Ungleichgewicht ~ jedoch mit Ausweg!

Ambivalente Verhaltenszüge, die sich auf einen ausgeprägten Ursprung der Persönlichkeitseinwicklung beziehen (siehe dazu Part I zur Ambivalenz), zeigen in uns weitaus größere Auswirkungen. Verschiedene Anteile in uns haben dann eben sehr verschiedene Meinungen und Absichten. Was sich bei anderen dann erst in einer größeren Entscheidungsfindung zeigt, äußert sich hier im alltäglichen Sein mit sich selbst. Die Stimmen sind so unterschiedlicher Meinung, sodass nicht mal eben schnell eine gute Lösung ~ zumindest ein passabler Mittelweg ~ gefunden werden kann. Es entsteht innere Unruhe und ein Ungleichgewicht, das sich auch nach außen zeigt. Für andere Menschen völlig unverständlich ~ für einen selbst manchmal anstrengend bis unerträglich!

Mal ganz ruhig, mal völlig überdreht ~ ein Klassiker in der Ambivalenz. In beide Richtungen ~ zufrieden oder zurückgezogen ruhig. Freudestrahlend oder feuerspeiend laut. Das, was sich nach außen zeigt, ist dabei nur die Spitze des Eisberges. Die Quelle der sich abwechselnden Impulsivität und Inaktivität liegt in den Tiefen der Persönlichkeit. Hier agieren Kräfte wie beim Tauziehen, die von alleine keine Einigung verhandeln werden. Das geschieht nur durch die bewusste Kraft des Geistes, die die Verhandlungspartner ~ also alle Anteile/Stimmen ~ an einen Tisch holt und anhört. Dann kann sich die kräftezehrende Prozedur in eine kraftgebende Vielfalt umwandeln, die die Meinungen der Außenwelt relativiert. Denn die mault und das wird sie immer tun ~ ob Du Deine Ambivalenz bereits gezähmt hast oder nicht.

MISSVERSTÄNDNIS Nr. 3: Ambivalenz ≠ Misserfolg

Jeder Mensch hat also mehrwertige und uneinheitliche Seiten in sich. Dennoch sehe ich Ausläufer extremer Ambivalenz nicht als natürlichen Teil eines menschlichen Wesens an. Es ist eine Aufgabe, damit umzugehen und das Licht darin zu erkennen und aufzudrehen. Dir schreibt hier ein sehr ambivalenter Mensch und ich weiß, wie es ist mit diesem Wesenszug konfrontiert zu sein – mit mir selbst und von außen:

Du bist nicht greifbar!

Ich kann Dich nicht einordnen!

Heute hier… morgen so.

Du bist sprunghaft.

Du bist instabil.

Typische Kommentare ~ bespickt mit einem vorwurfsvollen Unterton ~ von Menschen aus nah und fern.

Kommt Dir das bekannt vor? Lass Dir nun von mir sagen, dass Dir mit Übung Folgendes gelingen wird:

Scheiß drauf ~ Nimm es nicht persönlich!

Es hat mehr mit den Sendern selbst zu tun als mit Dir.

Denn was Du diesen Menschen zeigst, ist ein Spiegelbild. Sie haben selbst Anteile in sich, die sie nicht sehen wollen und verdrängen. Das Unterbewusstsein sucht jedoch den Ausgleich und projiziert das innere Thema ins Außen. Du zeigst ihnen ihre Baustellen, die sie bekämpfen und nicht wahrhaben wollen. Die innere Abwehr landet in abfälligen Kommentaren und Abwehr bei Dir. Deine beste Antwort könnte zukünftig lauten: „Ja, ich weiß!“ – auch wenn es Dich innerlich trifft. So hast Du Angreifer erstmal vom Hals. Es entlastet ~ entwaffnet ~ und ist ein Schritt auf Dich selbst zu. Probiere es gern aus.

Denn oft haben ambivalente Wesen so schon am meisten an ihrer inneren Kluft zu knabbern. Wenn es selbst für uns unvereinbar erscheint, fühlt es sich an wie innere Zerrissenheit an unserer, Unberechenbarkeit und zwei Welten in einem Kopf. Ein Scheißgefühl, das Mitgefühl braucht ~ und keine Anklage! Ambivalenz ist kein Misserfolg, den wir selbst verbockt haben. Es sind emotional aufgeladene Puzzleteile, die zusammenfinden dürfen.

Sage Ja zu Deiner Innenwelt!

Du hast sehr klug und weise gehandelt in einem Alter, in dem Du keine Wahl hattest. Du hast Verhaltensweisen übernommen. Du hast etwas geglaubt, was Deinen eigenen Werten nicht entspricht. Wir haben alle einen Rucksack auf, wo einige Facetten eher schweren Brocken als leichte Kost entsprechen.

Der eine eben mehr und der andere weniger!

Doch erkenne dabei: Dieser innere Mechanismus hat Dir durch Taktik und Strategie damals den Arsch gerettet. Heute schmeißt er Dir Steine in den Weg und hemmt mit demselben Muster ein freies Leben. Doch das ist umkehrbar – denn nun sitzt DU am Steuerrad des Lebens. Nobody else! Drum erlaube Dir ein Ja zu Dir!

MISSVERSTÄNDNISS Nr. 4: Ambivalenz ≠ lebenslange Extreme

Diese Diskrepanz ~ zwischen dem, was wir eigentlich als unser „wahres Ich“ entdecken und leben möchten ~ und dem was wir jahrelang gelernt und gelebt haben, führt zu einem enormen Spannungsfeld in uns. Nie wissen wir selbst, wie wir im nächsten Moment sein werden. Beständigkeit und Planbarkeit sind teilweise Fremdworte. Das kann sehr belastend sein und sorgt neben dem Unverständnis von außen auch für inneren Stress: Innere Unruhe, Stress und Selbstkritik ist die Folge. Je nachdem wie weit wir von uns selbst entfernt sind eher milde oder ebenso extrem wie die Ambivalenz an sich.

Das kann so bleiben, muss es aber nicht. Für Entspannung sorgt echte Zuwendung und Pflege dieser Diskrepanz ~ wie bei einem angespannten Muskel. Hierfür braucht es eine Entscheidung: Hinschauen!

  • Du trägst nicht die Verantwortung für die Ursache.
  • Du trägst die Verantwortung, wie Du mit den Folgen umgehst.
  • Selbstverantwortung ist Dein Weg zum Gold.


Um das Gold im Dreck zu finden, braucht es Mut zum dreckig werden!

Dreck ist dreckig ~ keine Frage. Doch brauchst Du ihn heute nicht mehr essen oder dich darin suhlen. Meist wissen wir genau, was in unserem Leben „damals“ nicht rund lief. Wir kennen die Quellen, die Ereignisse, die Anekdoten. Wir wissen ganz genau, was uns verletzt und nicht gut getan hat. Es ist der wahrlich unangenehmste Teil, den Blick in den Dreck zu wagen und sich dort umzuschauen. Es auszusprechen, was alles weh tat (und unterschwellig bis heute tut), ist dabei der allererste und wichtigste Schritt ~ ein absoluter Gamechanger! Es rückt ins Licht ~ ins Bewusstsein. Hier bist Du handlungsfähig ~ und nur hier! Mit dieser Zuwendung hört das Verstecken vor Dir selbst auf und das Verständnis für Dich selbst fängt an.

Kognitives Verständnis durch Verständigung, Kommunikation, Zuhören ~ den eigenen inneren Stimmen.

Emotionales Verständnis durch Mitgefühl, Akzeptanz und Hinschauen, wo beide Seiten ihre Quelle haben.

Beides kannst Du lernen ~ und die ambivalenten Seiten in Dir werden sich einander annähern im Gleichgewicht. Doch zunächst ist es an der Zeit aufzuhören, sich das Leben schwer zu machen.

Akzeptiere was war, um anzugehen, was sein darf!

Ein einfach gesagter Satz, doch hier drin liegt der Prozess: Alle Anteile willkommen zu heißen, ist der erste wichtige Schritt mit sich selbst in Kontakt zu treten. Sich selbst auf Augenhöhe zu begegnen, ist die Basis für ein Gleichgewicht. Denn wer gehört wird, fühlt sich gesehen und anerkannt. Und wer gesehen und anerkannt wird, kann sich für sich selbst öffnen, um in die eigene Persönlichkeit eintauchen. In weiteren Artikeln werde ich dazu gezielt auf einzelne Ausläufer der Ambivalenz eingehen und erste Schritte zur Wandlung aufzeigen – für ein authentisches Gleichgewicht, das jeden Mensch von Natur aus zusteht.

Für eine neue Sicht auf Dich selbst:

– In welchen Situationen hast Du Dich selbst als widersprüchlich erfahren?

– Welche Emotionen treten auf, wenn Du Dich selbst nicht verstehst? Wie gehst Du dann mit Dir um?

– Wie kannst Du ab heute neu entscheiden, mit dem Widerspruch im Leben umzugehen?

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HANNAH KRAFT

Emotion & Entfaltung
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